Eines Tages ließ der Kaiser einen seiner Vasallen zu sich rufen. Im Königreich war dieser für seine Grausamkeit und Habgier bekannt, und seine Untertanen lebten in Angst. Der Kaiser sagte zu ihm: „Ich möchte, dass du auf eine Reise durch die Welt gehst und für mich einen wirklich guten Menschen findest.“
Er antwortete: „Ja, mein Herr“, und machte sich gehorsam auf die Suche.
Er begegnete vielen Menschen und sprach mit ihnen. Nach langer Zeit kehrte er zum Kaiser zurück und sagte: „Mein Herr, ich habe alles getan, wie du es befohlen hast, und auf der ganzen Welt nach einem wirklich guten Menschen gesucht. Doch ich habe keinen gefunden, denn alle sind egoistisch und hinterlistig. Es gibt keinen Ort, an dem man den Menschen finden könnte, den du suchst.“
Der Kaiser schickte ihn fort und ließ einen anderen Vasallen rufen, der für seine Großherzigkeit und Güte bekannt war. Der Kaiser sagte zu ihm: „Mein Freund, ich möchte, dass du auf eine Reise gehst und mir einen schlechten Menschen findest.“
Auch dieser gehorchte dem Befehl. Er reiste lange, begegnete vielen Menschen und sprach mit ihnen. Nach einiger Zeit kehrte er zurück und sagte: „Mein Herr, ich konnte eure Aufgabe nicht erfüllen. Es gibt unvorsichtige Menschen, vom Weg Abgekommene, die sich wie Blinde verhalten. Aber nirgends habe ich einen wirklich schlechten Menschen gefunden. Sie alle haben gute Herzen – trotz ihrer Fehler.“
Eines Abends in der Dämmerung saß ein Bauer auf der Schwelle seines armen Hauses und genoss die Kühle. Nebenan verlief die Straße, die ins Dorf führte. Ein Mann kam des Weges, sah den Alten und dachte: „Dieser Mensch ist faul. Er arbeitet nicht und sitzt den ganzen Tag vor seiner Haustür …“
Wenig später erschien ein anderer Wanderer. Er dachte: „Dieser Mensch ist ein Don Juan. Er sitzt hier, um die vorbeigehenden Mädchen zu beobachten und ihnen vielleicht nachzustellen …“
Schließlich kam ein Förster, der ins Dorf ging. Er dachte: „Dieser Mensch ist ein großer Arbeiter. Er hat den ganzen Tag hart gearbeitet und genießt jetzt seine wohlverdiente Ruhe …“
In Wirklichkeit wissen wir nichts über den Bauern, der vor seinem Haus sitzt. Aber wir wissen viel über die drei Wanderer, die ins Dorf gingen: Der erste war faul, der zweite nicht besonders gutherzig, und der dritte war ein großer Arbeiter.
Alles, was du sagst, sagt etwas über dich selbst – besonders dann, wenn du über andere sprichst.








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